Nuira – Eine Frage der Religion

 

Wie man vielleicht in der Landesbeschreibung von Nuira schon gelesen hat, versucht man sich zwar an den Benimm-Codex (Paragraph 4) zu halten, und man vermeidet in Anwesenheit anderer – vor allem Bürgern, die nicht aus Nuira stammen – über die Götter zu reden, aber die Götter sind für die Bewohner Nuiras noch sehr nah.

Dazu sei ein Absatz aus dem Traktat “Die Götterwelt von Nuira – Damals und Heute” von Magister Horatio Hollyhead zitiert:

… Die Bewohner von Nuira haben ein sehr nachbarschaftliches Verhältnis zu ihren Göttern. Sie sind nicht einfach ferne Wesen, wie sie zum Beispiel in anderen Kulturen beobachtet werden können, wie Sonne, Mond, Sternbildnisse, oder simple Personifizierungen von mächtigen Elementen, wie Feuer, Wasser oder Erde. Vielmehr sind die Götter lebendig und wandeln unter ihnen, könnte man meinen. Nahezu jeder wird einem erzählen, wenn man intensiv nachfragt und ein Bier spendiert, dass sie oder er bereits einen Gott persönlich gesehen hat, wie er an der Straße an einem vorbeilief, oder wie er im Wald umherschritt, oder auf einem Hügel vorbeiritt. So ganz mag sich mir der Begriff und der Umgang nicht erschließen, das bedarf sicher noch einiger Nachforschungen, die es wert sein könnten.

Je nachdem, wenn man fragt, heißen die Götter immer auch etwas anders. Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob es wirklich auch weitere Götter sind, oder ein Aspekt eines anderen, mir schon bekannten Gottes, oder vielleicht auch nur ein besonderer Ehrentitel, der etwas bedeutet und der demjenigen einfach besonders wichtig ist. Ich habe versucht eine einstweilige Liste aller Götter zu machen, indem ich bereits einige der Namen verknüpft habe, wo es mir sinnig erschien. Aber ich muss leider zugeben, dass sich diese Verknüpfungen wieder auflösen könnten, wenn ich mehr erfahre, oder dass sich ganz neue ergeben werden. Hier nun erst einmal die mir am wichtigsten erscheinenden zuerst, da sie am häufigsten erwähnt wurden. 

Die obersten Gottheiten sind die Morrigan oder Morrígna. Einige interpretieren sie als drei Schwestern, andere nennen sie Jungfrau, Mutter und Vettel, andere sagen, es ist nur eine Göttin. Ich bekomme das Gefühl, dass alles drei gleichzeitig richtig ist, so unvorstellbar das auch sein mag. Aber jede befragte Person hat auch nie zugestimmt, als ich fragte, ob den die jeweils anderen Interpretationen dann falsch seien. Worin sich alle einig waren, dass sie die Lebensfäden spinnen, knüpfen und weben und auch zerschneiden. Daher stehen sie für alles, was es im Lebenszyklus geben kann: die Fruchtbarkeit (Macha), das Leben selbst, zusammen mit dem Krieg und dem Wasser (Morrigan), und natürlich dem Tod und der damit verbundenen Erde (Babd). Sehr oft wird der Mond in seinen entsprechenden Phasen mit der Gottheit, bzw. deren verschiedenen Aspekten verbunden (zunehmender Mond für die Geburt, Vollmond für das volle Leben und abnehmender Mond für den Tod). Der Aspekt des Krieges hat sein eigenes Symbol, die Krähen und Raben. Sehr oft sieht man als Schmuckstück oder Zierde auf Möbelstücken oder Häusern die Triquetra oder auch Triskelen – ein Symbol für die drei Aspekte der Morrígna. Krieger, aber auch Mütter, heilige Männer und Frauen, eigentlich aus jedem Beruf tragen das Zeichen oft auch auf oder sogar dauerhaft unter die Haut gemalt.

Triquetra Triskele Donnerkeil Gehörnter 

Allgemein ist die Symbolik in Nuira sehr ausgeprägt, so benutzen sie sehr oft ineinander verschlungene, labyrinthische Geflechte. Meine Vermutung ist, dass die Muster mit dem Weben der Morrigan zusammenhängen. Aber dieser Vermutung werde ich ein eigenes Kapitel widmen müssen. Zurück zu den Göttern.

Weitere Götter, deren Bedeutung sehr mit dem jeweiligen Gesprächspartner schwankt, und teilweise auch gar nicht von selbst erwähnt wird, sind aber dennoch auf gezielte Nachfragen jedem bekannt. Einige fluchen sogar mit den göttlichen Begriffen, vor allem der Donnerkeil wird gern bemüht, und bemerken den Zusammenhang ihrer Worte zu den Göttern erst nach einer gerichteten Nachfrage.

Der Gott des Wetters ist Taranis, mit seinem Donnerkeil macht er Blitz und Donner. Der Donnerkeil ist auch sein Symbol, und das von mir gefundene Beispiel, was ich für Sie illustriert habe, trug sogar die Triquetra in sich. Den möglichen Zusammenhang mit den Morrigan konnte mir allerdings niemand erklären. 

Cernunnos ist der Gott der Jagd, der Wälder, der wilden Tiere. Kaum ein Jäger trägt nicht sein Symbol irgendwo auf seinem Körper oder seinem Bogen. Er wird mal als Hirsch, mal als Mensch mit einem Hirschgeweih dargestellt. Cernunnos zählt im Übrigen auch zu den Göttern, die meine Befragten, zusammen mit den Krähen der Morrigan, am häufigsten gesehen haben, dicht gefolgt von Taranis und Brigid.

Lir ist der Gott des Meeres. Auf meiner Reise habe ich kein Symbol zu ihm gesehen, selbst Fischer konnten oder wollten mir dazu nichts näheres sagen. Dennoch fiel mir auf, dass ich oft den dreizackigen Jagdspeer der Fischer dekorativ über der Tür oder dem Kamin hängen sah. Mir ist aber leider nicht ersichtlich, ob das nur ein alter Speer und Andenken an einen Ahnen war, den man nicht mehr zum fischen benutzen kann, oder ob es selbst schon ein heiliges Symbol war. Kurz hatte ich den Gedanken, dass es beides sein könnte.

Namentlich konnte ich noch zwei weitere Götter ausmachen, die sogar ihre eigenen Feste im Jahreskreis haben. Ich möchte mit einer kurzen Vorwegnahme zur Erklärung des Jahreskreises beginnen. Das Symbol des Jahreskreises konnte ich illustrieren, so dass ich es Ihnen zeigen kann, da er sehr umfangreich ist. Auch wird es sehr oft als Schmuckstück, oder vielleicht auch als tragbarer Kalender benutzt. Das ganze Jahr spiegelt sich auf diesem Kreis wieder, es wird auch heute noch von den Bewohnern Nuiras als Kalender benutzt, die Tage dazwischen werden oft nicht einmal gezählt. Was mich zugegebenermaßen sehr irritiert hat, ist dass das Fest links oben, bzw. am 1. November, Samain, als Jahresanfang gezählt wird. Der Bedeutung der einzelnen Feste widme ich mich später in einem gesonderten Kapitel, dennoch war der kurze Einblick wichtig zum Verständnis. Nun kann ich wieder zu den beiden noch fehlenden Göttern zurückkommen.

Als erstes hätten wir Brigid, deren Fest zu Imbolc, also am 1. Februar, gefeiert wird. Sie ist die Göttin des Feuers, des Lichts – daher liegt es nahe, dass sie auch die Göttin der Schmiede ist, etwas weiter liegt die Interpretation des Lichts als Zeichen für Gerechtigkeit, und damit dem Gesetz. Auch etwas schwer zu sehen ist die Verbindung als Göttin der Heilung. Aber es wird etwas klarer, wenn man bedenkt, dass in Nuira oft keine wissenschaftlich ausgebildeten Mediziner, wie in Prydain vorzufinden sind, sondern oft der Schmied mit seinem Werkzeug und dem Feuer als Heiler agiert. Zu Imbolc verbrennen die Schmiede ein selbstgeflochtenes Kreuz, dass mir allerdings deshalb auch niemand zeigen konnte – und einfach nur zur Demonstration, wollte es mir keiner flechten. Eine weitere Reise wird mir das Kreuz der Brigid zeigen.

Und der zweite Gott, der uns in diesem Zusammenhang noch fehlt ist Lugh. Er ist der Gott der Handwerker und Bauern. Ihm zu Ehren wird daher zur Segnung der Erntezeit ein Fest gegeben, das sogenannte Lugnasad, am 1. August. Auch zu ihm konnte ich noch kein Symbol finden, dass seine Anhänger tragen.

 

Prof. Barth. Ravenstone
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Professor Bartholomew Ravenstone leitet an der Royal University in Cherryhall Castle den Fachbereich Exotische Tierwesen und unterrichtet in den dortigen Fächern. (OT: Bernie)

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